Mund in Nahaufnahme auf einer Kinoleinwand, darüber die Zahl 15 bis 30 Prozent, die beim Lippenlesen angeblich das Maximum des Verstehens bezeichnet.
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Mehr als 15 bis 30 % kann man doch gar nicht lippenlesen

Diesen Satz lese ich sehr oft.

Wenn Sie im Internet nach Lippenlesen suchen, stoßen Sie fast sofort auf diese Zahl: 15 bis 30 %. Angeblich erfassen selbst geübte Lippenleser nur diesen Bruchteil des Gesprochenen rein visuell, der Rest sei Kontext, Mimik, Körpersprache.

Wer das hört oder liest, zieht einen naheliegenden Schluss: Lippenlesen ist eine nette Krücke, ein Ratespiel. Für etwas Ernsthaftes würde es nie reichen.

Die Schlussfolgerung ist falsch. Wenn das so wäre, dann würden die Lippenleser keine Gespräche führen können, sondern nur raten, was gesagt wird. Dem ist aber nicht so.

Woher die Zahl kommt und was sie wirklich sagt

Sie stammt nicht aus der Welt, in der ich arbeite.

Sie kommt aus der Hörgeschädigtenpädagogik und aus der Kommunikation mit hörgeschädigten Menschen, und sie beschreibt genau das, was dort beschrieben werden muss: das alltägliche Absehen von den Lippen im direkten Gespräch.

Und in diesem Zusammenhang muss folgendes klargestellt werden:

Ein Gespräch läuft live. Man kann nicht zurückspulen, der Gegenüber dreht sich weg, ein Bart verdeckt den Mund, ein Wort fällt zu schnell. In diesem Moment ergänzen viele Hörgeschädigte das, was sie sehen, mit Kontext und Mimik, wie jeder andere Mensch auch.

Wie viel jemand dabei erfasst, hängt immer vom Wortschatz und vom Allgemeinwissen der lippenlesenden Person ab.

Diese Zahl ist pauschal ausgedrückt und beschreibt das ungeübte, alltägliche Absehen. Sie beschreibt nicht, was in derselben Situation ein professioneller Lippenleser mit fünf Jahrzehnten Erfahrung versteht. Die 15 bis 30 % sind vielleicht ein Durchschnitt, kein Maximum.

Denn für mich ist Lippenlesen eine besondere Fähigkeit.

In der hörenden Welt ist es meine einzige Kommunikationsform. Wer eine Sprache täglich und über Jahrzehnte nutzt, wird darin besser, und genau das ist der Unterschied zwischen Alltag und Beruf. Im Interview über meine Arbeit mit stummem Filmmaterial lesen Sie, wie das im Einzelnen aussieht.

Was auch im Live-Gespräch eine echte Grenze bleibt: Sobald mehr als zwei Menschen sprechen, wird es schwierig. Man muss den jeweils Sprechenden erst finden, und bis man ihn gefunden hat, ist der halbe Satz vorbei. Bei zwei Menschen funktioniert es. In der Runde mit mehreren Menschen nicht. Mit den 15 bis 30 % hat das nichts zu tun.

Warum Videoarbeit eine Methodik erfordert

Wenn ich einen stummen Film transkribiere, sitze ich nicht in einem Gespräch. Ich sitze vor einem großen Monitor mit einer oder mehreren Video-Aufnahmen, die ich genau betrachte.

Und hier liegt der eigentliche Unterschied, der oft übersehen wird: Im Gespräch kann man nachfragen und schnell nachhaken.

Im Film geht das nicht. Wenn der Ton von Anfang an gefehlt hat, gibt es niemanden, den man fragen könnte. Es gibt kein Original zum Abgleich, keine Tonspur, keine Erinnerung.

Hier muss ich also alles akribisch beobachten, was die Sprecher in den Filmen sagen. Ich kann immer wieder zurückspulen. Ich kann eine Stelle zwanzigmal ansehen. Ich kann einen Satz in Einzelwörter zerlegen, also Frame per Frame, ein Wort in Einzellaute, und jeden dieser Laute gegen die Mundbilder prüfen, die ich seit meiner Kindheit gespeichert habe.

Dazu kommt: Eine Aufnahme ist nicht flüchtig, denn es ist ja eine Aufnahme. Der Kamerawinkel bleibt gleich. Die Sprechgeschwindigkeit bleibt gleich. Ich kann dieselben Menschen beobachten und ihre ganz eigene Art zu sprechen kennenlernen.

Die 15 bis 30 % sind vorgegebene Zahlen, die für professionelle und geübte Lippenleser nicht greifen.

Lippenlesen ist kein Raten, sondern ein Feststellen auf Basis einer visuellen Bibliothek. Wäre es ein Ratespiel, wäre es keine Kommunikation mehr.

Der Test, den jeder machen kann

Immer wieder höre ich einen Vorschlag, der wie ein Beweis klingen soll: Schalten Sie beim Fernsehen den Ton aus und versuchen Sie, die Nachrichten zu verstehen.

Machen Sie es ruhig. Aber als ungeübter Lippenleser sind Sie hier sofort überfordert. Dann stimmt es hier, dass Sie nur 15 bis 30 % von allem Gesagten erfassen können.

Lippenlesen erfordert viele Jahre Erfahrung und eine große visuelle Bibliothek (pro Wort, pro Satz ein „Mundbewegungsfilm“.

Schauen Sie sich die Nachrichten mit ausgeschaltetem Ton an. Einmal, in Echtzeit, ohne anzuhalten, mit nur einem Sprecher, den Sie nie zuvor gesehen haben. Genau das ist der flüchtige Moment, aus dem die 15 bis 30 % erkannten Wörter stammen könnten.

Und jetzt der zweite Durchgang mit der diesselben Sendung. Weiterhin Ton aus, aber mit einem Notizblock und der Pause-Taste. Halten Sie an, so oft Sie wollen. Gehen Sie eine Stelle zurück. Sehen Sie sich dieselbe Sequenz noch einmal an, und noch einmal. Vergleichen Sie die Lippen dieses Sprechers mit den Lippen desselben Sprechers zehn Sätze vorher. Erkennen Sie die Vokale in den Wörtern? Erkennen Sie bestimmte Buchstaben wie N und L?

Wie oft Sie zurückspulen müssen, ist von Fall zu Fall verschieden. Manchen Sprecher versteht man sofort. Bei anderen Sprechern braucht man mehrere Durchgänge, wenn der Sprecher sich bewegt oder nuschelt.

Wer das ernsthaft und interessiert durchführt, merkt schnell, dass er nicht an seinen Augen scheitert, sondern an der fehlenden Übung und Erfahrung im Lippenlesen. Die Grenze zwischen „unmöglich“ und „lesbar“ liegt nicht nur an den Lippen, sondern auch an den Betrachter mit der visuellen Bibliothek. Haben Sie zu jedem Wort ein Mundbild-Video vor Ihren inneren Augen?

Das Lippenlesen ist nur unmöglich, wenn das Mundbild nicht sichtbar ist.

Sehen Sie selbst

Theorie hilft hier wenig. Prüfen Sie es selbst.

Diese Sequenzen sind per Lippenlesen vollständig transkribiert. Wort für Wort. Schauen Sie sich diese stummen Videos an, lesen Sie die Lippenlese-Transkription im Sprechblasen-Untertitel, und gleichen Sie selbst ab.

Menschen am Sonntag (1930)

Ein Film, der nie vertont wurde, mit echter Alltagssprache, so wie Menschen damals tatsächlich miteinander sprachen. Genau der Fall, den man am schwersten liest: natürliche Rede, kein gestelltes Mundbild. In dieser Szene ließ sich der gesprochene Wortlaut vollständig aus dem sichtbaren Mundbild erfassen.

Ein echter Stummfilm von 1945

Restauriertes Material, 80 Jahre alt. Kein Ton, keine Tonspur, kein Kontext, niemand, den man fragen könnte. Durch professionelles Lippenlesen konnte eindeutig erkannt werden, was der Soldat sagt. Die eingeblendete Transkription gibt seine sichtbaren Worte wieder.

1918: Ein 16-jähriger deutscher Soldat spricht

Digital restaurierter Stummfilm, über hundert Jahre alt. Der gesprochene Text wurde aus dem sichtbaren Mundbild lippengelesen und als Sprechblase eingebunden.

Drei Aufnahmen aus drei Jahrzehnten, drei verschiedene Sprecher, drei verschiedene Bildqualitäten. In jedem dieser drei Video-Ausschnitten ist jedes Wort, jeder Satz per Lippenlesen vollständig rekonstruiert und eins zu eins wiedergegeben worden.

Warum die Zahl sich trotzdem hält

Die 15 bis 30 % halten sich, weil sie pauschal sind und übernommen wurden, ohne hinterfragt zu werden. Tatsächlich können sehr geübte und erfahrene Lippenleser im Direktgespräch (zwei Menschen im Gespräch) vollständig verstehen.

Sie halten sich auch, weil Lippenlesen, Schriftdolmetschen, Logopädie und Gebärdensprachdolmetschen im Netz ständig durcheinandergeworfen werden.

Vier Tätigkeiten, die ständig verwechselt werden

  • Schriftdolmetscher hören und transkribieren gesprochene Sprache in Echtzeit in Text, zum Mitlesen. Für Hörgeschädigte, die die Schriftsprache bevorzugen.
  • Gebärdensprachdolmetscher übersetzen zwischen Lautsprache und Gebärdensprache, live und in beide Richtungen. Für Hörgeschädigte, die die Gebärdensprache bevorzugen.
  • Logopäden arbeiten an der Aussprache, bei hörgeschädigten und hörenden Menschen.
  • Der professionelle Lippenleser sieht von den Lippen ab und transkribiert daraus das sichtbar Gesprochene in Text. Für Hörende.

Das sind vier komplett verschiedene Tätigkeiten, die alle für sich alleine stehen, und doch von den KI’s (Künstliche Intelligenz) vermischt werden, dass es zu falschen Ergebnissen im KI-Modus der Suchmaschinen führt.

Wo die Zahl 15 bis 30 % stimmt: Namen

Es gibt einen Bereich, in dem das Lippenlesen tatsächlich an eine Grenze stößt:

Namen, Ortsnamen, Straßennamen. „Erik mit K oder Eric mit C?“ „Faber mit V oder F?“, Warum Namen beim Lippenlesen so schwer sind, habe ich hier ausführlich beschrieben.

Eigennamen haben keine Bedeutung, an der man sie festmachen könnte, und sie tauchen ohne Satzkontext auf. Sie stehen für sich alleine. Auch Hörende verstehen unbekannte Namen oft erst, wenn der andere buchstabiert.

Deshalb arbeite ich bei Namen nicht mit Vermutungen, sondern mit dem Wissen des Auftraggebers: Die Namen und Orte, die in einer Aufnahme vorkommen könnten, klären wir vorab, und ich prüfe sie beim Transkribieren dagegen, ob sie im Mundbild auftauchen oder nicht.

Ihr Filmmaterial

Sie haben eine stumme Filmaufnahme, und möchten unbedingt wissen, was gesprochen wurde. Vielleicht sind es Familienfilme, vielleicht historisches Material oder vielleicht ein modernes Video, bei dem das Mikrofon ausgefallen ist.

Was zählt, ist eine einzige Frage: Wie gut ist das Mundbild, und welche Szenen lassen sich lippenlesen und rekonstruieren?

Das lässt sich klären. Senden Sie mir Ihr Material, ich sichte es und sage Ihnen, welche davon lippenlesbar ist. Hier können Sie mich kontaktieren.

Mehr als 15 bis 30 % kann man doch gar nicht lippenlesen

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