Lippenlesen aktives und passives Verstehen

Lippenlesen aktives und passives Verstehen

Beim Lippenlesen gibt es zwei grundlegend unterschiedliche Formen des Verstehens: das aktive und das passive Verstehen.

Diese Unterscheidung ist zentral, um zu begreifen, warum Lippenlesen für hörgeschädigte Menschen eine hochkomplexe Leistung ist und warum sie sich deutlich von dem unterscheidet, was Hörende gelegentlich als Lippen absehen bezeichnen.

Lippenlesen ist keine Zusatzfähigkeit. Für viele Hörgeschädigte ist es die einzige Möglichkeit, gesprochene Sprache zu erfassen und an Kommunikation teilzunehmen.

Aktives Verstehen beim Lippenlesen

Aktives Verstehen ist die Form des Lippenlese-Arbeit, die hörgeschädigte Menschen tagtäglich leisten. Sie basiert auf jahrelanger Erfahrung, intensiver visueller Wahrnehmung und permanenter geistiger Arbeit.

Beim aktiven Verstehen werden Mundbewegungen nicht einfach erkannt. Sie werden gleichzeitig analysiert, eingeordnet und mit dem eigenen Wortschatz abgeglichen. Hinzu kommen Fähigkeiten wie Kombinieren und Kompensieren, um fehlende oder unklare visuelle Informationen auszugleichen.

Diese Prozesse laufen innerhalb von Sekundenbruchteilen ab. Der Lippenleser hört nicht zu, er arbeitet visuell, während das Gespräch scheinbar flüssig verläuft. Die dabei entstehende Denkarbeit bleibt für das Gegenüber vollständig unsichtbar.

Passives Verstehen beim Lippenlesen

Auch Hörende können Lippenbewegungen erkennen. Dieses Verstehen ist jedoch grundlegend anders gelagert und wird hier als passives Verstehen bezeichnet.

Hörende sind primär auf ihr Gehör fokussiert. Wenn ihnen der Ton fehlt, fehlt ihnen zunächst jede Orientierung. Ohne akustische Information wirken Lippenbewegungen schnell beliebig und schwer einzuordnen.

Ein typisches Beispiel verdeutlicht den Unterschied:

Wird ein Satz zuerst lautlos gesprochen, kann der hörende Gesprächspartner ihn meist nicht erfassen. Wird derselbe Satz anschließend hörbar gesprochen und danach erneut lautlos wiederholt, ist das Lippenlesen plötzlich möglich. Der hörende Mensch greift dabei auf die zuvor gehörte Information zurück.

Dieses Wiedererkennen ist keine aktive Lippenlese-Arbeit, sondern passives Verstehen. Die Bedeutung ist bereits bekannt und wird beim erneuten Sehen lediglich bestätigt. Das ist ein großer Unterschied.

Zwei unterschiedliche Verarbeitungsweisen

An diesem Unterschied zeigt sich, wie unterschiedlich Lippenleser und Hörende in der Kommunikation arbeiten. Während hörende Menschen Sprache primär auditiv verarbeiten und visuelle Informationen ergänzend nutzen, ist es beim Lippenleser umgekehrt.

Von den Lippen ablesen bedeutet ständiges Mitdenken, permanentes Zugreifen auf den eigenen Wortschatz und das gleichzeitige Abwägen mehrerer Bedeutungsoptionen. Jede sichtbare Mundbewegung wird geprüft, verworfen oder bestätigt.

Voraussetzung dafür ist ein gut sichtbares Mundbild. Verdeckungen durch Bart, Hände, Gegenstände oder ein abgewandtes Gesicht erschweren das Verstehen erheblich und erhöhen die geistige Belastung.

Lippenlesen ist Hochleistungsarbeit

Lippen absehen ist eine hochkonzentrierte Kopf- und Augenarbeit. Sie fordert Aufmerksamkeit, Ausdauer und visuelle Präzision. Gerade bei längeren Gesprächen, Vorträgen oder Veranstaltungen führt diese Dauerbelastung zu schneller Erschöpfung.

Viele hörgeschädigte Menschen sind daher nach etwa 30 bis 60 Minuten durchgehender Lippenlese-Kommunikation stark ermüdet. Schriftliche Informationen stellen in diesen Situationen eine enorme Entlastung dar, weil sie die visuelle Kombinationsarbeit reduzieren.

Das erklärt auch, warum Untertitel für hörgeschädigte Menschen unverzichtbar sind. Sie ermöglichen es, Inhalte zu erfassen und gleichzeitig zu entspannen, statt permanent visuell analysieren zu müssen.

Praktische Beispiele aus der Lippenlese-Arbeit

Grenzen des Lippenlesens

Ein kompletter Spielfilm ausschließlich über Lippenlesen wäre extrem anstrengend. Verdeckte Gesichter, Rückenansichten, undeutliche Artikulation, Bartträger oder fremdsprachige Szenen erzeugen Lücken, die sich nicht vollständig schließen lassen.

Diese Grenzen gehören zur Realität des Lippenlesens und müssen fachlich eingeordnet werden. Lippenlesen ist leistungsfähig, aber nicht beliebig belastbar.

Einordnung für die professionelle Praxis

Das Verständnis von aktivem und passivem Verstehen ist essenziell für die professionelle Lippenlese-Arbeit. Nur wer diese Unterschiede kennt, kann realistisch einschätzen, was aus stummem oder tonlosem Videomaterial zuverlässig transkribiert werden kann und wo klare Grenzen bestehen.

Diese fachliche Einordnung bildet die Grundlage meiner professionellen Lippenlese-Transkriptionen.

Dieses Verständnis ist entscheidend für die professionelle Lippenlese-Arbeit bei stummem oder tonlosem Videomaterial.

Wenn Sie Fragen zum Lippenlesen aus Videos haben oder eine konkrete Anfrage zu stummem oder tonlosem Material stellen möchten, können Sie mich direkt kontaktieren. Alle Anfragen werden vertraulich behandelt.

Lippenlesen aktives und passives Verstehen - Kommunikation anders - Können Hörende auch Lippenlesen? Erfahren Sie die Unterschiede hier.

 

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